ÜBER DICH
von NINA HOFFMANN
mit ULF AMINDE, LUKAS HOFFMANN, NINA HOFFMANN, IRIS JANKE, SUSANNE M. WINTERLING

EINGELADEN VON ROSA

ERÖFFNUNG FREITAG, 27. JANUAR 2012, 18 – 21 UHR
AUSSTELLUNG 28. JANUAR – 2. MÄRZ 2012

Für die Ausstellung Über Dich versammelt Nina Hoffmann fünf künstlerische Positionen, die eine spezielle Verbindung zwischen dem-/derjenigen vor und hinter der Kamera thematisieren. Anders als bei einem rein dokumentarischen oder ethnografischen Blick, zeigen die ausgewählten Fotografien und Bewegtbilder einen Prozess der Spiegelung, der sich über den jeweiligen Aufnahmeapparat hinweg vollzieht.

Die Arbeit Rachel (2006) von Lukas Hoffmann rückt den Blick in die Kamera in den Fokus der Fotografie. Auf klassische Weise steht die junge Frau frontal zur Kamera. Ihr Gesichtsausdruck gibt jedoch zu erkennen, dass sie den Akt des Fotografiertwerdens deutlich in Frage stellt und es wirkt, als durchbohre sie mit ihrem skeptischen Blick Kamera und Fotografen. Durch ihre widerständige Haltung wird sie von einer passiv Abgebildeten zur aktiv Fragenden, ihr Blick und der des Fotografen kreuzen sich im Moment der Aufnahme. Als Bildbetrachter nehmen wir nun die Position des Fotografen ein. Und während der Schauplatz einer Fotografie normalerweise im Bildraum liegt, wird der Betrachter unweigerlich zu Rachels Gegenüber und somit ins Bildgeschehen mit einbezogen.

Die Arbeit Fundament (2012) von Nina Hoffmann zeigt zwei unterschiedliche Arten mit dem Gefilmtwerden umzugehen.Zu sehen sind zwei synchronisierte Bildsequenzen, die jeweils einen Mann und eine Frau zeigen, die sich wechselseitig filmen. Zunächst unbemerkt, erkennen die Dargestellten erst durch ihren Blick in die Kamera, dass sie aufgenommen werden. Nina Hoffmann interessiert genau dieser Moment, in dem sich bei beiden eine spontane Reaktion zeigt, mit der Situation umzugehen. Bei den Abgebildeten handelt es sich um die Eltern der Künstlerin und so kommt es zu weiteren reizvollen Überkreuzungen an den Stellen, da Nina Hoffmann in Form von Spiegelungen selbst im Bild zu erkennen ist. Die Künstlerin, welche aus dem privaten Material mit einem analytischen Blick auswählt, schreibt sich auf diese Weise selbst ins Bild ein. Potential K (2011) ist eine Diainstallation,deren Fotografien über einen Zeitraum von elf Jahren entstanden sind. Das facettenreiche Langzeit-Porträt einer Freundin der Künstlerin stellt die vertrauensvolle Nähe zwischen beiden in den Mittelpunkt. Die Arbeit fragt danach,welche Einblicke wir durch das Porträt eines Menschen erhalten, dessen Verhältnis zum Porträtierenden von tiefer Freundschaft geprägt ist.

Auch in der Arbeit Genealogie (1971-2012) von Iris Janke äußert sich ein spezielles Verhältnis von Nähe und Distanz, da die fotografische Serie das Aufwachsen von Familienmitgliedern über drei Generationen hinweg beleuchtet. Einerseits stammt das Material von der Mutter der Künstlerin – selbst ausgebildete Fotografin – und besteht aus Kinderbildern von Iris Janke, andererseits fotografiert die Künstlerin nun ihre eigenen Kinder. Ein einstmaliges Jetzt wird zu Damals und spiegelt sich im Heute. Die Bilder, die teilweise an denselben Orten aufgenommen wurden, zeigen, wie sich die Rolle zwischen beobachtet werden und nun selbst beobachten im Laufeder Zeit verändern kann und stets äußert sich in den Aufnahmen der Wunsch, den Anderen begreifen und begleitenzu wollen.

Bei der Arbeit Frontalunterricht (2009) von Ulf Aminde befindet sich die aufzeichnende Kamera im Kreuzungspunkt zwischen schauspielernden Jugendlichen und dem Künstler. Im Rahmen der Schillertage sollte der Künstlermit einer Gruppe Jugendlicher eine Aufführung für das Staatstheater Mannheim erarbeiten. Die vierwöchige Probenzeit gestaltete sich jedoch als äußerst problematisch und so drohte das Projekt zu kippen. Um den Jugendlichen ein Gefühl dafür zu vermitteln, was es heißt, auf einer Bühne zu stehen, organisierte Ulf Aminde einen Nachmittag auf einer Probebühne des Staatstheaters. Während die GruppenteilnehmerInnen auf der Bühne im Scheinwerferlicht saßen, befand sich der Künstler ihnen gegenüber hinter der Kamera. Die einzige Regieanweisungbestand darin, dass die Jugendlichen Ulf Aminde spielen sollten, während er – für uns nicht sichtbar – zeitgleich die Jugendlichen nachspielt. Durch ihre Darstellung zeichnen die Jugendlichen ein sehr genaues Bild der Probenzeit, indem sie den Künstler mit seinen Versuchen, die Gruppe zu bändigen, imitieren. Sie übersetzen das gemeinsam Erlebte in eine spontane Performance, die dem Künstler einen multiplen Spiegel vorhält. Bei Frontalunterricht lieferte die Aufnahmesituation letztendlich die Rahmenbedingung, damit aus einer Situation, die zuscheitern drohte, ein dichtes Porträt der vorangegangenen angespannten Wochen entstehen konnte. Dabei befindet sich die Kamera im Brennpunkt des Aufeinandertreffens zweier Realitäten.

Susanne M. Winterlings Arbeit untitled (artist as torquato tasso) (2009) beschäftigt sich mit dem italienischen Schriftsteller Torquato Tasso, der im 16. Jahrhundert im Konflikt mit der höfischen Gesellschaft lebte und aufgrund seiner Geisteskrankheit mehrere Jahre in Gefangenschaft verbrachte. Im flackernden Licht des Projektorsstehen wir der Künstlerin in einer einzigen Einstellung als überlebensgroßes frontales Close-Up gegenüber undwerden Zeugen ihrer Metamorphose. Susanne M. Winterling vollzieht jedoch keine großen Gesten. Das „Hineinschlüpfen“ in den wahnhaften Geisteszustand des Schriftstellers vollzieht sich allein im Gesichtsausdruck der Künstlerin. Die clowneske weiße Schminke mit der falschen Nase legt die Maskerade nicht nur offen, vielmehr dient diese als sichtbare Markierung hinter die sich die Künstlerin begibt, um ihre Identität mit der des Schriftstellerszu kreuzen. Ungeachtet geschlechterspezifischer Zuschreibungen vollzieht sich eine Annäherung an die prekäre Disposition einer historischen Figur bei einer gleichzeitigen Kennzeichnung der Unmöglichkeit dieses Unterfangens. Es erfolgt keine Überblendung zweier Identitäten, sondern eine Bruchstelle bleibt deutlich als Differenz sichtbar. Wir blicken in einen dunklen, farbreduzierten visionären Raum in dem Charakterstudie, Selbstporträt und Projektion in Eins fallen.

Die ausgewählten Arbeiten stellen verschiedene Spielarten dar, sich im Anderen zu spiegeln. Dabei bilden die Exponate die Porträtierten nicht einfach ab, vielmehr formuliert sich in ihnen auch der Akt des Aufgezeichnetwerdens. Beide Perspektiven verschränken sich und schreiben sich in die Arbeiten ein. So werden die jeweiligen Aufnahmebedingungen stets mitreflektiert, weshalb die Arbeiten letztendlich auch als Aussagen über das Wesen der Repräsentation an sich zu verstehen sind. In der direkten Auseinandersetzung zwischen Porträtiertem und Porträtierendem vollzieht sich ein psychologischer Prozess, dessen Ausformulierungen als Koordinaten ästhetischerund formaler Inszenierungen verstanden werden können. Über Dich spannt ein Beziehungsgeflecht dieser Begegnungen, Spiegelungen und Kreuzungen.

Akiko Bernhöft