ULRIKE FESER
ARRÊTE LA MACHINE!
ERÖFFNUNG FREITAG, 26. JUNI 2009, 18 UHR
AUSSTELLUNG 27. JUNI – 8. AUGUST 2009, DI – SA 11-18 UHR
Ausgehend von ihrem Interesse an Inszenierung von Körper und Gender hat Ulrike Feser die fotografischen Bewegungsstudien von Eadweard Muybridge als Vorlage für ihre Arbeiten genommen, die aus Super-8-Filmen und Fotografien bestehen. Muybridge gilt aufgrund seiner reihenfotografischen Studien menschlicher und tierischer Bewegungsabläufe als impulsgebend für die Entwicklung des „bewegten Bildes“ des Kinofilms. Die aus wissenschaftlichem Interesse entstandenen Fotografien wiederholt, re-inszeniert und re-interpretiert Ulrike Feser in Zusammenarbeit mit dem Choreographen J. Bogle. Dabei spielt sowohl die Umkehrung von Blickprivilegien – jetzt blickt eine Frau durch den Apparat und filmt einen Mann – als auch die Hinterfragung der Apparatur an sich eine Rolle. Visuelle Schematisierungen werden damit destabilisiert und rekontextualisiert.
„Als die Bilder bei Eadweard Muybridge sprichwörtlich laufen lernten, indem sie Menschen in Bewegung zeigten (Human Locomotion, 1887), wurde schon auf der technischen Ebene klar, dass wenn man Bilderfolgen, die aus voneinander getrennten Einzelbildern bestehen, aufzeichnet und abspielt, letztere im Fluss der Bilder untergehen und ihre ikonografische Kraft einbüßen. Auch wenn sie materiell noch vorhanden sind, können sie sich gegen die Bewegung, die sie erfasst, nicht behaupten, denn diese kennt keine Augenblicke, sondern nur Übergänge und Metamorphosen. In der Kooperation `Studies III (on a movement sequence of Eadweard Muybridge) part 1 & 2´ untersucht Ulrike Feser das Verhältnis von Einzelbild und Bewegung in Muybridges wissenschaftlicher Versuchsanordnung mit Hilfe einer Super-8-Filmkamera. Indem sie die Improvisation von Jürgen Bogle filmt, der die Gesten und Bewegungen der (…) historischen Aufnahmen interpretiert, wird diese Filmstudie in ihrer theatralen Dimension verstärkt und regelrecht unter die Zeitlupe genommen. Muybridge gelingt nämlich nicht die Darstellung eines neutralen Körpers, der nur die äußerlichen Wirkungen muskulärer Aktivität ausstellt, ohne ein Minimum an
Narration zu erzeugen, die sich in der Unsicherheit des nackten Körpers ausdrückt. Diese Unsicherheit verweist auf die im Bewegungsbild vorhandenen, aber unsichtbar gemachten Einzelbilder. Gegenüber diesen gespenstischen Entitäten verhält sich Feser wie eine Schatzgräberin, die durch die Bewegung der Körper und des Filmmaterials hindurch auf diesen funkelnden Schatz an Gesten zugreift und sie wieder an die Oberfläche des Bewegungsbildes holt (…).
Aus der historischen und funktional gedachten Versuchsanordnung wird eine komplexe Studie (…), in der Zeit, Bewegung und Gestik auf ihre soziale, heteronormative Konstruktion hin untersucht werden und nähert sich so dem Unbewussten der Maschine, aus dem die Metamorphosen des Körpers aufsteigen und in der die Unsicherheit und Scham des Körpers, die bei Muybridge unbeachtet geblieben sind, sanft in den Fokus gerückt werden.
Auf eine ganz andere Art sind auch die Fotografien aus der Serie `ARRÊTE LA MACHINE!´ von einer Störung der Verknüpfung von Bild und Bewegung geprägt. So wie der Holzschuh (frz. Sabot), der das Wort Sabotage geprägt hat, aus Protest in die Arbeitsmaschinen geworfen wurde, um diese schlagartig anzuhalten und so die Verkettung zwischen menschlichem Körper und Maschine zu unterbrechen (…)“, geht es bei Ulrike Fesers Fotografien um den Moment des Innehaltens, um das Unterbrechen eines Ablaufes, um einen Ereignisraum zu ermöglichen.
Zitierter Textauszug von Nicolas Siepen