JULIEN AUDEBERT, AMY GRANAT / DREW HEITZLER, LISA TAN
STURM UND DRANG
ERÖFFNUNG AM FREITAG, 24. OKTOBER 2008, 18 – 21 UHR
AUSSTELLUNG VOM 25. OKTOBER – 20. DEZEMBER 2008 , DI – SA VON 11 – 18 UHR
ARTIST TALK AM FREITAG, 24. OKTOBER, 19 UHR
MODERIERT VON HENNRIETTE HULDISCH, KURATORIN 2008 WHITNEY BIENNIAL
Ausgehend von Texten und Romanen übersetzen die Künstler schriftliche Vorlagen auf verschiedene Art – kulturell, medial, sprachlich und von einem Genre in ein anderes. Dabei stellen sie die Bedeutung des Einzelnen – in Bezug auf sich selbst und den ‚anderen’ – als von Gefühlen und Verstand beeinflusstes Wesen in den Vordergrund. Im Zuge dieser ‚Entdeckung des Einzelnen’, wie sie die Autoren des Sturm und Drang im 18. Jahrhundert verfolgten, hinterfragen die Künstler den Zusammenhang zwischen dem jeweiligen Textinhalt und dessen ästhetischer und formaler Repräsentation. Der Vorstellung des „Romantischen Konzeptualismus“ verbunden, zeichnen sich die Arbeiten durch ihr Zusammenspiel des üblicherweise angenommenen Gegensatzes von Emotionalität und konzeptueller Rationalität aus.
In dem für die 2008 Whitney Biennale produzierten Film „TSOYW“, begleiten AMY GRANAT und DREW HEITZLER einen modernen Werther aus Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ durch die amerikanische Wüste. Dem Vorschlag Jean Genets folgend, die unerreichbare Liebe Charlotte durch ein Motorrad zu ersetzen, unternimmt Werther eine ziellose Reise mit dem von einem Freund gestohlenen Motorrad, die ihn vorbei an Ikonen der Land Art durch die USA führt.
In ihrer ersten Kooperation filmten Amy Granat und Drew Heitzler parallel, aber mit ihrer jeweils charakteristischen filmischen Sprache, das gleiche Geschehen. Als Doppelprojektion präsentiert wird die endlose Weite der Landschaft zur melancholischen Szenerie der Suche Werthers, die mit dem Ausbruch aus konventionellen Formen einhergeht. Am Ende verschwindet er in den sich auflösenden Filmbildern.
Wie auch bei „Die Leiden des jungen Werthers“ sind Briefe oft Spuren einer Beziehung, deren emotionalen Verstrickungen und Projektionen. LISA TAN, die in ihren minimalistischen Arbeiten ihre Beziehungen zu Menschen sowie die damit einhergehenden Gefühle untersucht, lässt in ihrer Arbeit „Letter Never to Arrive“, die Fotografie eines Briefumschlages mit einer unlesbaren Empfängeradresse, Beziehung und Verlust imaginieren. Eine weitere fotografische Serie zeigt jeweils zwei Buchcover desselben Buches, die aber unterschiedliche Spuren der Benutzung aufweisen und meist verschiedene Ausgaben sind. Es ist die Sammlung doppelt vorhandener Bücher nach dem Zusammenzug mit einer geliebten Person - und damit ein Spiegel der Geistesverwandschaft. In den ‚word counting pieces’ zählt sie in Büchern wie Alberto Moravias „Contempt“ oder Maurice Blanchots „Death Sentence“ das Vorkommen zentraler, emotional geladener Begriffe wie „Liebe“ und „Tod“ und fragt so unter anderem nach dem Zusammenhang von Sprache und Gefühl.
JULIEN AUDEBERT bezieht sich in der für die Ausstellung entwickelten Wandarbeit auf den Text „Ornament und Verbrechen“ von Adolf Loos, in dem der Architekt polemisch die Überwindung des Ornamentalen als ästhetisch ökonomischen Fortschritt diskutiert und damit dem Geschmack seiner Zeit eine individuelle Haltung entgegensetzt. Auch Julien Audebert setzt bei der Untersuchung der titelgebenden Begriffe an, er konzentriert sich jedoch auf die ästhetische Qualität des Textes, indem er die Worte „Ornament“ und „Verbrechen“ entsprechend ihres Vorkommens in Loos’ Text als gewissermaßen ornamenthafte Verzierung vergrößert auf die Wand stempelt. Eine dazugehörigen Arbeit besteht aus einem Holzbrett, das Holz imitierend bemalt ist. Mit dieser Doppelung persifliert Julien Audebert das Loosche Verdikt, Holz dürfe in jeder Farbe, aber auf keinen Fall in der Farbe des Holzes bemalt werden, da dies das wahre ornamentale Verbrechen sei.