Albrecht Schäfer


Albrecht Schäfer "Berlin Alexanderplatz"



Eröffnung am Freitag, den 16. März 2001 von 19 - 21 Uhr
Ausstellung vom 17. März - 28. April 2001




Der Alexanderplatz spiegelt, wie kaum ein anderer Platz, die architektonische und politische Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. Vier deutsche Staaten entwickelten Planungen für die Gestaltung des Platzes, die den vorherigen Zustand grundsätzlich negierten. Zu der Geschichte des Alexanderplatzes gehört aber neben dem Gebauten und Zerstörten, auch das nicht Gebaute. Jede Architektengeneration hat zahlreiche Entwürfe und Visionen für diesen zentralen Platz entwickelt. Aus diesen Ideen lassen sich unterschiedliche Abwandlungen der Geschichte entwickeln, die ähnlich folgerichtig - oder zufällig - erscheinen, wie die tatsächliche Geschichte. An diesem Punkt setzt das Projekt »Berlin Alexanderplatz« an.


Daten zur Geschichte des Alexanderplatzes:

Bis in die zwanziger Jahre des 20.Jh. hatte der Alexanderplatz eine auffallend unregelmäßige Form und glich weniger einem geplanten Platz, als vielmehr einer Restfläche, die aus einer mittelalterlichen Straßengabelung vor dem Osttor der Stadt hervorgegangen war. Dennoch entwickelte sich der Alexanderplatz am Ende des 19. Jahrhunderts zur verkehrsreichsten Kreuzung und neben dem Potsdamer Platz zum wichtigsten Einkaufszentrum der Stadt.

Als Martin Wagner, Anhänger des Neuen Bauens, 1926 das Amt des Stadtplanungsdirektors übernahm, entwickelte er großangelegte Verkehrskonzepte für die Stadt, die u.a. 1928 zu einem Wettbewerb für die vollständige Neugestaltung des Alexan-derplatzes führten. Unter der Erde sollte eine mehrgeschossige Kreuzung dreier U-Bahnlinien entstehen, über der Erde eine den Kreisverkehr gestalterisch aufnehmende Neubebauung. Sieger des Wettbewerbes wurden die Gebr. Luckhardt mit Alfons Anker (s. Szenario 1).
Die Ausführung allerdings ging an den zweiten Preisträger Peter Behrens, da sich für den Luckhardtschen Entwurf keine Investoren fanden und schließlich eine Gruppe amerikanischer Geldgeber in einer Art Direktvergabe Behrens mit dem Bau beauftragten. Während die gigantischen U-Bahn-Pläne realisiert wurden, blieb die Platzbebauung auf Grund der Weltwirtschaftskrise ein Torso. Nur zwei der Behrens-Gebäude wurden gebaut. Mies van der Rohe, der auch zum Wettbewerb eingeladen war, fiel auf den letzten Platz, da er - Wagners Vorgaben vollständig ignorierend - einen radikalen Entwurf lose um den Platz gruppierter Baukörper lieferte (s. Szenario 2).
Im Krieg wurde der Platz durch mehrere Bombenangriffe weitgehend zerstört. Die meisten Ruinen wurden nach 1945 abtragen, nur die beiden Behrens-Gebäude wurden rekonstruiert.

Nachdem die gesamtstädtische Verkehrsplanung in den 20er Jahren kaum über erste Ansätze hinausgekommen war, kam sie durch die Trennung von Ost- und West-Berlin schließlich ganz zum Erliegen. Das Aufbauprogramm der DDR konzentrierte sich zunächst auf die Stalin-Allee und folgte stilistisch einer am Klassizismus Schinkels und am sowjetischen »Zuckerbäckerstil« orientierten Idee der »Nationalen Traditionen«. Hermann Henselmann, der sich innerhalb weniger Jahre als Leiter verschiedener Arbeitskollektive in die Position des Chefarchitekten von Berlin brachte (53 - 59), baute wesentliche Teile des ersten Bauabschnittes der Stalin-Allee (ab 1951). 1953 entwickelte sein Kollektiv im gleichen Stil Entwürfe für eine Fortsetzung der Magistrale bis zum Alexanderplatz, der als monumentaler, klassizistischer Repräsentationsort der DDR dargestellt wurde (s. Szenario 1).
Durch den politischen Umschwung in der Sowjetunion (Tod Stalins 1953) und aus ökonomischen Zwängen heraus wurde aber schon im zweiten Bauabschnitt der Stalin-Allee, die 1961 in Karl-Marx-Allee umbenannt wurde, auf die kostspielige Bauweise der »Nationalen Traditionen« verzichtet und im modernen Stil weitergebaut. Der Alexanderplatz blieb bis Mitte der 60er Jahre eine riesige Freifläche, da sich die Planungen für den Zentralen Bereich im wesentlichen auf das Marx-Engels-Forum (heute Schloßplatz) konzentrierten.
Erst die überraschende Entscheidung der SED, die Idee einer Stadtkrone durch eine »Ersatzdominante«, den Fernsehturm, zu ersetzen, beendeten den Streit um den »Zentralen Bereich«. Aus einem 1964 veranstalteten Wettbewerb für die Gestaltung des Alexanderplatzes stellte die SED ein Ideenkonglomerat zusammen, das pünktlich 1969 zum 20. Jahrestag der DDR der Ostberliner Bevölkerung als architektonischer Höhepunkt der Hauptstadt präsentiert wurde. Städtebaulich folgte der Entwurf dem Konzept der offenen "Stadtlandschaft", das zeitgleich im Westteil der Stadt etwa am Erst-Reuter-Platz umgesetzt wurde und das Mies van der Rohe bereits mit seinem Entwurf von 1928 angeregt hatte. Abgesehen von einigen Namensänderungen auf der Weltzeituhr, die die ehemals sozialistische Völkergemeinschaft symbolisierte, ist der Platz in diesem Zustand heute weitgehend erhalten. Für die einen ist der Platz eine "sibirische Leere" (Dieter Hoffmann-Axthelm) für die anderen "einer der großzügigsten Stadtfreiräume Europas" (Wolfgang Kil).

Der wiedervereinigte Berliner Senat schrieb 1993 in einer Zeit des Investitionsfibers, einen Wettbewerb aus, der eine vollständige Neubebauung forderte. Nur die beiden Behrens-Gebäude sollten erhalten bleiben. Bei den meisten Entwürfen blieb entsprechend wenig von der DDR-Architektur übrig.
Daniel Libeskinds Konzept (s. Szenario 2) bildet da eine Ausnahme. Er schlug eine allmähliche Verdichtung unter Erhalt der vorhandenen Bausubstanz vor, die geschichtliche Kontinuität und soziale Integration zum Ziel hatte. Er bekam den zweiten Preis. Der erste Preis ging an einen uniformen, monumentalen Entwurf von Kollhoff und Timmermann. In ihm verbindet sich der Traum bzw. das Phantom der »historischen europäischen Stadt« in Form einer Piazza mit dem volkstümlichsten Bild einer Metropole - der Skyline von Manhattan. Noch in diesem Jahr soll mit dem Bau begonnen werden.


Abwandlungen der Geschichte des Alexanderplatzes:

Szenario 1:

1928 werden die Sieger des Wettbewerbes, die Gebrüder Luckhardt und Alfons Anker mit der Ausführung ihres Entwurfes beauftragt. Durch großzügige Investitionen amerikanischer Geldgeber sind die Bauarbeiten bereits 1932 abgeschlossen. Der Platz bekommt wegen seiner einheitlich modernen, dynamischen Gestaltung internationale Aufmerksamkeit. Im Krieg zerstören schwere Bombenangriffe die Ost- und Nordseite des Platzes. Nach 1945 wird zunächst eine Rekonstruktion erwogen, allerdings hat sich der Platz schon in den 30er Jahren als verkehrstechnisch zu klein erwiesen, so daß nur die beiden südlichen Gebäude wiederhergestellt werden. 1953 fordert Ulbricht eine Wende in der Architektur zum Stil der »Nationalen Traditionen«. Henselmann, der wenige Wochen zuvor noch ein Verfechter der Moderne gewesen war, entwickelt schnell in einem Arbeitskollektiv entsprechende Pläne für die Stalin-Allee und den Alexanderplatz. Da dringend repräsentative Regierungsgebäude benötigt werden, beginnen die Bauarbeiten kurze Zeit später am Alexanderplatz und sind in nur zwei Jahren weitgehend abschlossen. Im zentralen Gebäude am Nordende des Platzes zieht das Zentralkomitee der SED ein. Der Platz wird eine verkehrsberuhigte, für Aufmärsche und Kundgebungen vorgesehene Freifläche. Ein politischer Umschwung in der Sowjetunion führt dazu, daß die anschließende Sta-lin-Allee nicht im gleichen Stil weitergebaut wird, sondern im billigeren Plattenbauverfahren. Nach der Wende wird der Alexanderplatz zunächst als stalinis-tisch und eklektizistisch kritisiert. Mit der aufkommenden Beliebtheit histori-sierender Städteplanung findet der Platz aber immer mehr stillen Beifall und wird 1995 unter Denkmalschutz gestellt.

Szenario 2:

1928 geht die Direktvergabe der amerikanischen Investoren an Mies van der Rohe. Bis 1932 sind 5 der 11 vorgesehenen Gebäude fertiggestellt. Große Teile des Platzes werden im Krieg durch Bomben zerstört. Nach 1945 beschließt der Ostberliner Senat zwei relativ gut erhaltene Gebäude von Mies van der Rohe wiederherzustellen. Sie werden in die Neugestaltung des Platzes in den 60er Jahren integriert. Nach der Wende gewinnt Daniel Libeskind knapp vor Kollhoff den Wettbewerb. 1995-1999 wird das erste Gebäude, das sog. Euroforum fertiggestellt, das gewisse Ähnlichkeiten mit Mies van der Rohes berühmten Hochhausentwurf Friedrichstraße von 1921 aufweist. Über die Nutzung des Gebäudes, das nach dem Plan von Libeskind neben dem Bezirksrathaus einige europäische Organisationen beherbergen sollte, wird in der Öffentlichkeit noch gestritten. Bisher ist nur die Berliner Touristik GmbH eingezogen. Die weitere Umsetzung des Planes ist fraglich, da der Büroflächenbedarf nachgelassen hat und aus Bevölkerung und Politik vermehrt eine dem gründerzeitlichen Platz angepaßte Bebauung gefordert wird.